Der emotionale Erste-Hilfe-Kasten für BDSMer

Du hast eine Erste-Hilfe-Kasten im Auto, im Büro und in Deiner Wohnung. Die Verbandschere liegt bei den Bondageseilen und natürlich probiert jeder dominante oder sadistische Partner die Handhabung jedes neuen Rohrstocks brav an sich selbst und/oder einem wehrlosen Kissen aus. Das alles ist tief in unserem Gefühl für Sicherheit verankert. Und ich will das auch gar nicht schlecht reden, all das hat seine Berechtigung. Je länger ich mich allerdings mit BDSM und den Menschen, die Ihr Passion ausleben, beschäftige, desto häufiger fällt mir auf, dass viele einen wichtigen Teil nur selten ausreichend schützen: Ihre Seele (oder mit ein bisschen weniger Pathos, ihr psychisches Wohlbefinden). Darum möchte ich Dir hier ein paar Dinge zur Hand geben, mit denen Du Dir Deinen eigenen emotionalen Erste-Hilfe-Kasten für BDSMer aufbauen kannst.

Es ist wahr, dass man eigentlich gar nicht oft genug darüber reden kann, welche physischen Risiken bei den diversen BDSM-Techniken auftreten. Aber bei all dem Diskutieren über Nervenschäden, kurze Rippen, das Steißbein, die Nieren, Adern oder Venen gehen die psychischen Aspekte oft unter.

Sind wir mal ehrlich, die meisten Blessuren, die unser Körper, absichtlich oder unabsichtlich, während einer Session abbekommt, heilen innerhalb weniger Tage, schlimmstenfalls ein paar Wochen wieder ab. Emotionale, seelische (Tief-)Schläge hinterlassen allerdings oft tiefere Wunden, die viel langsamer abheilen. Das ist der Grund, warum ich der Meinung bin, dass jeder in der Szene seinen emotionalen Erste-Hilfe-Kasten für BDSMer haben sollte.

Und jetzt befüllen wir Ihn!

Als erstes: Setze deine eigenen Grenzen!

Das Risiko abschätzen, wenn es um körperliche Dinge geht, ist recht einfach. Beim Bondage X ist das Risiko für die Verletzung Y recht groß, da müssen wir vorsichtig sein. Easy! Versuchen wir, das psychische Risiko einzuschätzen wird es, gelinde gesagt, schwammig.

Jede Spielart im BDSM, und ist es auch nur das Spanking, das Du schon tausendmal durchexerziert hast, hat das Potenzial, vollkommen unerwartet zum unberechenbaren Trigger zu werden. Vor allem (aber nicht nur) wenn noch andere Komponenten wie eine D/s – lästigen Dynamik oder Erniedrigungsszenarios dazukommen. Selbst Akteure mit jahrelanger Erfahrung in der Szene sind nicht gefeit vor dem plötzlichen Seitenhieb der Psyche.

Darum solltest Du Dir von vornherein sicher sein, wo Deine Grenzen sind und was Du bereit bist, auf emotionaler Eben zuzulassen. Und was noch wichtiger ist: diese auch klar kommunizieren. Behandle Deinen emotionalen Erste-Hilfe-Kaste für BDSMer so, wie den Echten im Auto: Du brauchst ihn vielleicht nicht heute oder morgen. Wahrscheinlich auch nicht in den nächsten Wochen oder Monaten. Aber irgendwann gibt es eine Situation, in der Du froh bist, einen zu haben.

Deine persönlichen Grenzen sind quasi der Koffer, auf den Inhalt deines emotionalen Erste-Hilfe-Kasten für BDSMer kommen wir jetzt.

Werde Dir klar darüber, worauf Du Dich einlässt!

Wie immer, bevor Du irgendetwas Neues anfängst, solltest Du Dich ein bisschen mit der Materie beschäftigen. Geht es jetzt um Sport oder irgendeine andere Freizeitaktivität bist Du verantwortlich für Dich selbst und Deine Gesundheit. Du würdest nie, aber echt bestimmt nie, mit einem Fallschirm aus dem Flugzeug springen ohne Dich vorher damit beschäftigt zu haben.

Ok, BDSM ist in der Regel nicht ganz so riskant wie Fallschirmspringen, aber Du betreibst es in der Regel mit einem Partner oder vielleicht irgendwann sogar mit mehreren. Du stehst vielleicht auch in der Öffentlichkeit zu Deiner Neigung. Dadurch hast Du dann nicht nur die Verantwortung für Dich selbst sondern, zumindest zum Teil, auch deinem (Spiel-)Partner(n) gegenüber. Schließlich soll die Session ja für Euch alle auch hinterher noch etwas sein, an das Ihr euch gerne erinnert.

Das wichtigste, was Du lernen musst, ist wahrscheinlich der Kern eines jeden verantwortungsvollen Spiels im BDSM: Sicherheit (physisch und psychisch), Vernunft (geht ehrlich und offen miteinander um, überfordert euch nicht uns seid stets gewillt und in der Lage, miteinander zu kommunizieren) und Konsens (das, was passiert ist vereinbart und wird von allen beteiligten jederzeit respektiert). Das Ganze ist bekannt unter dem vieldiskutierten Begriff „SSC“ (Safe, Sane and Consensual).

Du hast die Verantwortung für Dich und auch für die BDSM-Community, zu lernen. So viel und so intensiv wie es Dir möglich ist. Bücher sind ein guter Anfang, aber wenn ich ehrlich bin geht nichts über reale Erfahrung. Nein, ich meine jetzt nicht, dass Du Dich von einer Session in die nächste stürzen sollst. Such die Workshops oder Lehrer, die Dir etwas beibringen können.

Such Dir andere aus der Szene, die Dich bei Deinen ersten Schritten bei der Hand nehmen und Dich ein wenig führen. Stammtische wie die von SMart in NRW oder Events wie die BoFeWo, die BoundCon oder die FetishEvolution sind auch immer ein Ort, an dem man Kontakte knüpfen kann. Und auch wenn es jetzt seltsam klingt: Auch ohne Partner kann eine Party ein guter Ort sein. Schau zu und, wenn Du etwas siehst, was Du interessant findest, sprich die Akteure an (aber bitte hinterher, an der Theke, beim Buffet oder in der Lounge-Area der Party, einen solchen „ruhigen“ Ort gibt es meistens). Keine Angst, keiner wird Dich auslachen oder blöd anmachen, wenn Du nett fragst.

Im Großen und Ganzen kann man über die Szene sagen, was man will, wenn es darum geht zu helfen sind die Meisten schnell da, besonders wenn es um Menschen geht, die Ihre ersten Schritte in der Szene tun.

Du bist nicht allein!

Wenn ich schon von der Szene rede: es ist wichtig in die Szene einzutauchen und teilzunehmen. Und zwar auch hier, so intensiv, wie Du es in diesem Moment für richtig hältst. Ich will gar nicht behaupten, dass die Szene durch und durch gut oder perfekt ist, das ist wohl keine Szene. Wenn Du jedoch Deinen Platz oder Deine Handvoll Menschen gefunden hast, wirst Du es merken. Man passt aufeinander auf, so gut es geht.

Wie überall ist es auch im BDSM so: Qualität vor Quantität. Finde die Menschen, die am Besten zu Dir passen. Sei Dir sicher, auch wenn es etwas dauert, Du findest den, der Dir Support und Beistand geben wird, jemanden der unterstützt und der die Szene kennt. Jemand der zuhört, nicht urteilt. Jemand, der positive und konstruktive Kritik übt. Und irgendwann bist dann vielleicht Du genau der für den nächsten, der sich hinter den Spiegel wagt. Und dann wirst Du ein wichtiger Teil seines emotionalen Erste-Hilfe-Kasten für BDSM.

Finde Profis!

Nein, ich meine keine professionellen Dominas oder Herren, sondern Experten. Also den Arzt, dem Du auch mal anvertrauen kannst, wo die blauen Flecken herkommen. Einen, der nicht sofort den weißen Ring anruft sondern mit Dir redet. Eventuell auch einen Therapeuten, dem Du Dich anvertrauen kannst.
Ganz im Ernst: dass ist hier in Deutschland im Moment eine der größten und schwersten Aufgabe. Anders als in den Staaten gibt es in Deutschland noch keine gut gepflegte, professionelle Anlaufstelle auf der suche nach den sogenannten KAPs (Kink Aware Professionals). MayDay SM und auch SMart arbeiten im Moment daran, eine solche Liste aufzubauen (und sind übrigens nicht abgeneigt, wenn Du sie dabei unterstützen möchtest!)

Nein, Du bist nicht krank. Und ja, Du bist gut genug!

Es gibt eine Sache, die finde ich schrecklich. Ein Gedanke ist oft in den Menschen, die beginnen, sich in die Szene zu begeben: „bin ich eigentlich irre, dass ich sowas will“ oder „bin ich zu irre, um so was zu wollen“. Letzteres kommt oft vor bei Menschen, die denken, weil Sie Angst haben, mal depressiv, schüchtern oder eifersüchtig sind oder mit Ihrem Körper nicht im reinen sind, bedeutet das, dass Sie „es nicht Wert sind“ ein Teil der Szene zu werden.

Ich sage es Dir jetzt mit der ganzen Macht meiner über 20-jährigen Erfahrung in diesem Haufen: Das ist Bullshit! Aber egal, jeder, und ich meine jeder in der Szene hatte solche Gedanken irgendwann mal. Die einen mehr, die anderen weniger. Aber wir waren alle schon mal an diesem Punkt. Also lass Dir nichts anderes weismachen.

Ich finde es wichtig für Dich, ein Teil dieser Szene zu werden. Denn so kannst Du viel schneller lernen und verstehen, wir groß, wichtig, reinigend und ja, gesund es ist, diese Seite Deiner Seele, Deiner Emotion und ja, auch Deiner Sexualität, zu finden. Und dieses Finden, dieses Erwachen kann für viele eine kraftvolle Erkenntnis sein. Oder, um es mit den Worten meiner Frau zu sagen, nachdem Sie auf Ihrer ersten Party war: „Jetzt weiß ich, wo ich hingehöre!“

Eine kleine Randnotiz: Auch wenn ich hier die ganze Zeit über Deinen emotionalen Erste-Hilfe-Kasten für BDSMer rede, wenn Du glaubst mit Hilfe von BDSM irgendetwas therapieren zu können solltest du auf jeden Fall (und ich meine JEDEN FALL) vorher mit (D)einem Therapeuten reden. Und du solltest auf keinen Fall (und ich meine auf KEINEN FALL) glauben, dass Du weißt, was Du tust.
Vielleicht gibt es den einen oder anderen Fall, in dem es funktioniert hat. Ich kenne da jedoch keinen. Und damit kommen wir zum nächsten Punkt:

Fantasie ist keine Realität!

Du hast vielleicht Secretary gesehen, den wunderbaren Film mit Maggie Gyllenhaal und James Spader. Hach, war das romantisch! und geheilt haben sie sich auch noch gegenseitig! Oder Du hast die einen oder andere modernere SM-Romanze gelesen. Oder, ganz pervers, sogar eigene, BDSM-lastige Fantasien, bevor Du die ersten Schritte in der Realität gehst.

Viele, die dann, so aufgeheizt, Ihre ersten Erlebnisse machen sind hinterher enttäuschst. Oder sie sind verunsichert, weil Sie Ihre Träume nicht wahr machen konnten.

Vielleicht denkst Du dann, Du hast irgendwas falsch gemacht, oder Du wirst nie bekommen, was Du Dir da gewünscht hast. Die kalte Realität ist: Kopfkino und die echte Session sind sich, bis auf wenige Ausnahmen, so ähnlich wie New York und Wanne-Eickel.

Das heißt nicht, dass aus Deine, Kopfkino keine erfüllende Session werden kann. Aber um das zu erfahren musst Du mit offenen Augen in die Session gehen und Dich von Deinen Erwartungen frei machen. Zumindest, wenn Deine Erwartungen dahingehen, was Dein Kopfkino Dir vorgibt oder was Du letztes auf YouPorn gesehen hast…

Aber Du bist mutig!

Eine der wichtigsten Sachen in Deinem emotionalen Erste-Hilfe-Kasten für BDSMer: Auch wenn Du nur einen winzigen Schritt vorwärts gehst auf Deinem Weg in die Welt des BDSM, so ist das mehr, als viele andere sich jemals zu tun wagen! Dafür meine ernst gemeinte Hochachtung!

Wenn irgendwas schief geht – und es wird etwas schief gehen – bitte halte Dir das immer vor Augen: Du bist etwas Besonderes und ein starker, mutiger Mensch! Du entdeckst gerade Neuland, tauchst in die unbekannte See von Sex, Macht, Schmerz und Emotion. Wer so etwas macht, MUSS etwas Besonderes sein!

Ein wichtiger Teil ist auch, seine eigenen Grenzen zu respektieren. Egal ob Dom, Sub, Top, Bottom, Sado oder Maso oder irgendwas dazwischen: Du hast das Recht – und die Verantwortung – dafür einzustehen und es zu genießen. Wenn sich irgendetwas falsch anfühlt, dann nimm eine Pause, besprich nochmal neu, wie die Session aussehen soll. Oder, wenn es sein muss, brich die Session ab. Wenn Dein Partner das nicht akzeptiert und schnell reagiert, dann hol Dir Hilfe. Sei es beim Personal der Party, Deinem Cover oder eben Deiner Szene. Behalte immer im Kopf: Wer Deine Grenzen nicht beachtet, der missachtet einen, wenn nicht den, Kern von BDSM: Konsens!

Fertig ist dein emotionaler Erste-Hilfe-Kasten für BDSMer

Das sind alles nur Vorschläge. Behalte die, die Du für sinnvoll hältst, in deinem Kopf, wenn Du Dich in den Trubel der BDSM-Welt stürzt. Wie gesagt, manche werden Dir helfen, manche andere wirst Du nicht brauchen. Und ich bin mir sicher, mit der Zeit findest Du noch viele andere Dinge, die Du mitnimmst.
Und auch wenn eigentlich nur Du wissen kannst, was Du alles in Deinen emotionalen Erste-Hilfe-Kasten für BDSMer packst, vergiss nie die Energie, die von Freunden, die Szene und Profis ausgeht. Du erforschst gerade eine neue Welt. Und kein Entdecker hat so eine Aufgabe alleine bewältigt.
Viel Erfolg und Spaß auf deiner hoffentlich langen Reise!

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2 Antworten auf „Der emotionale Erste-Hilfe-Kasten für BDSMer“

    1. Hallo Easy!

      Ich hoffe, Du kommst mit Deiner Aufarbeitung voran! Wenn ich Dir irgendwie helfen kann, mit Tips ode guten Worten, melde Dich einfach via Twitter (@derDOMpteur)

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